Deutscher Herbst

Die Seite 3 von Gerhard Wipijewski

„Der deutsche Herbst“ – welch Überhöhung des RAF-Terrors im Herbst 1977 durch die Verwendung dieses Begriffs, oder nicht? Der deutsche Herbst, das kann doch eigentlich nur der Herbst des Jahres 1989 sein, als die sogenannte Friedliche Revolution in Ostdeutschland die DDR-Diktatur zum Einsturz gebracht hat, nachdem Ungarn erst den Grenzzaun abgebaut und am 11. September schließlich die Grenze zu Österreich ganz geöffnet hatte. Der „Eiserne Vorhang“, der Europa mit Gewalt in Ost und West teilte, hatte ein Loch, Mauer und Todesstreifen an der deutsch-deutschen Grenze konnten umgangen werden, der Exodus aus der DDR hatte begonnen.

Dieser deutsche Herbst, der mit der Maueröffnung am 9. November 1989 seinen Höhepunkt erreichte, ist jetzt 30 Jahre her. Haben auch Sie immer wieder Tränen in den Augen, wenn Fernseh-Dokumentationen an die damaligen Ereignisse erinnern? Ich hatte als junger Mensch erlebt, wie Europa wenige Jahre zuvor nur einen Wimpernschlag von der Zerstörung durch einen Atomkrieg entfernt war – was wir damals ahnten und heute wissen.
Wie mutig unsere ostdeutschen Landsleute mit ihren Demonstrationen und ihrer Flucht in diesem Herbst waren – nach vier Jahrzehnten der staatlichen Unterdrückung!
Die DDR war eine menschenverachtende Diktatur, der die Einwohner schon bis zum Mauerbau 1961 zu Hunderttausenden davongelaufen waren. Der SED-Staat war eine Diktatur, die weder Meinungsfreiheit noch Reisefreiheit kannte, die die Bürger ausspionierte und schikanierte, unliebsame Zeitgenossen wegsperrte, folterte und, wenn man es für zielführend hielt, ermordete. Die DDR war kein Rechtsstaat, sie war das Gegenteil davon. Sie war ein Unrechtsstaat, der sich nur mit Gewalt zusammenhalten ließ, nicht zuletzt durch die Stasi mit ihren mehr als 200.000 Mitarbeitern. Und: Die DDR war ein wirtschaftlich völlig gescheiterter Staat, in dem die Regale leer, Technik und Industrie veraltet sowie Städte, Gemeinden und Infrastruktur nach 40 Jahren verfallen und erledigt waren.
Das scheint bei vielen vergessen! In einer ZEIT-Umfrage zum Tag der deutschen Einheit vor wenigen Wochen unterstützten 58 Prozent der Befragten in den ostdeutschen Bundesländern die These, dass der Schutz vor staatlicher Willkür gegenüber der DDR-Zeit schlechter geworden sei oder sich kaum verändert habe! 41 Prozent gaben an, dass die Möglichkeit, die eigene Meinung frei zu äußern, schlechter geworden sei oder sich kaum verändert habe. Und mit der sozialen Gerechtigkeit ging es in den vergangenen drei Jahrzehnten für 68 Prozent bergab, für weitere 17 Prozent hat sie sich kaum verändert.
Ich stehe staunend vor so viel Geschichtsvergessenheit; auch hinsichtlich der sozialen Gerechtigkeit. Denn was ist gerecht daran, wenn ich meine persönliche Situation nicht durch Fleiß und Leistung verbessern kann, sondern nur durch „Beziehungen“ der unterschiedlichsten Art, wenn ich „Beziehungen“ brauche um auch nur an Nägel zu kommen? Ich sehe mich noch auf meiner Abiturfahrt im Ostberliner „Palast der Republik“ als Westdeutscher ausgemacht an hundert wartenden Ostdeutschen vorbei in ein zu zwei Dritteln leeres Restaurant geführt! Schikane. Willkür. Bequemlichkeit. Sozial gerecht?
Und ändert der dümmste „Shit-Storm“ heute irgendetwas daran, dass wir alle unsere Meinung sagen können, ohne staatliche Repressalien fürchten zu müssen? Ich finde: genauso wenig, wie die Vielzahl von Meinungen, die transportiert durch Internet und „soziale Medien“ (welch irreführender Begriff!) mit der eigenen – hoffentlich – nicht immer in Einklang stehen!
Es kann doch kein Zweifel daran bestehen, dass wir das Privileg haben, in einem der freiesten und wohlhabendsten Länder dieser Erde zu leben!
An was mich dieser deutsche Herbst 1989 und der sich anschließende Einigungsprozess freilich auch erinnert, ist die „Aufbauhilfe“, die viele Kolleginnen und Kollegen aus Bayern beim Aufbau einer Finanzverwaltung insbesondere in Sachsen geleistet haben – nicht selten unter abenteuerlichen Bedingungen! Aber mit beachtlichem Erfolg!
Gleiches gilt für den Aufbau einer Personalräte- und Gewerkschaftsstruktur in der neuen sächsischen Finanzverwaltung. Beides hat für die bfg federführend der damalige bfg-Bezirksvorsitzende und spätere DSTG-Bundesvorsitzende Dieter Ondracek übernommen. Er hat damals die Grundlagen dafür geschaffen, dass die DSTG in Sachsen auch beinahe drei Jahrzehnte später gut dasteht.
Auch das werde ich jedenfalls nicht vergessen!