Büroarbeit

Seite 3 Juli 2020

Also ich arbeite am liebsten vom Büro aus! – Zugegeben, wenn nicht gerade eine Pandemie das normale Arbeitsleben verhindert, sind meine Tage stark durch Gespräche, Sitzungen und Dienstreisen geprägt, Büroarbeit hat dabei nur einen begrenzten Umfang.

Aber auch in den vergangenen Monaten habe ich meine Büros einem Arbeiten von daheim vorgezogen. Selbst am Wochenende fahre ich lieber einmal ins HPR-Büro oder in die bfg-Geschäftsstelle, bevor ich allzu viele Unterlagen mit nach Hause schleppe oder mir große Gedanken mache, was ich womöglich alles daheim gebrauchen könnte.

Für diese Ausgabe der bfg-Zeitung, in der sich Vieles um das Arbeiten von daheim aus dreht, und die die ersten Ergebnisse unserer großen Umfrage zur Wohnraumarbeit präsentiert, mag das auf den ersten Blick ein etwas ungewöhnliches Bekenntnis sein … Aber womöglich verhalte ich mich ja gar nicht so untypisch, wie es zunächst scheint! Denn es kommt natürlich immer darauf an, was jemand arbeitet und damit auch darauf, wie groß der Aufwand ist, sich für ein Arbeiten daheim zu organisieren.
Das ist ja gerade das Beachtliche an der Finanzverwaltung in diesen Krisenmonaten: dass da eben mehrere tausend Beschäftigte bereit waren, sich aufwendig anders zu organisieren, damit sie zumindest teilweise daheim arbeiten und so das Infektionsrisiko klein und den „Output“ groß halten konnten.

Für die Frage, ob man lieber im Büro oder von daheim arbeiten will, kommt es stark darauf an, ob man Gründe hat, die einen dazu bewegen, das eine oder das andere zu tun. Die Umfrageergebnisse zeigen ganz deutlich, dass eine mögliche Fahrzeitersparnis der wichtigste Aspekt ist, wenn es darum geht, sich in Wohnraumarbeit wohl zu fühlen, effektiv zu arbeiten etc., oder kurz: zufrieden zu sein. Wer, wie ich, in München lebt und arbeitet, ordentliche Büros hat mit einer IT-Ausstattung, die im Zweifel auch noch besser ist als daheim, der hat diesen Antrieb nicht zwingend.
Wer dann noch eine Reihe von Mitarbeitern hat, wie es bei mir der Fall ist, oder die bfg-Geschäftsstelle zudem auch als abendlichen Begegnungsort zum Austausch mit anderen Engagierten, der hat weitere gute Gründe, ausreichend und regelmäßig Zeit in seinem Büro zu verbringen. Denn Führen und Leiten erfordern eben auch den menschlichen Kontakt, die persönliche Begegnung. Motivieren nur via Telefon oder Videokonferenz, das geht in einem gewissen Umfang, aber auch nicht darüber hinaus. Gerade die Erfahrungen der vergangenen Monate zeigen, dass über diese Medien Kreativität auf der Strecke bleibt, dass dabei Anweisung und Vollzugsmeldung leichter gehen als Demokratie und Vorleben.

Damit spreche ich mich mitnichten gegen die Möglichkeit zum Arbeiten daheim auch für Führungskräfte aus! Zum einen steht die Möglichkeit dazu – nicht zuletzt durch mein Zutun – seit rund fünf Jahren in unserer Dienstvereinbarung, zum anderen halte ich diese auf den jeweiligen Einzelfall angepasst für höchst wünschenswert und auch effektiv.

Was uns zuletzt neben unserer Umfrage und den Corona-Beschränkungen in Deutschland auch bewegt, ist der Wirecard-Skandal. Kaum, dass das erste Cum-Ex-Urteil gesprochen war, hatte das Land schon einen neuen Wirtschaftsskandal: Börsenliebling und FinTech-Hoffnung Wirecard hat offenbar nahezu zwei Milliarden in der Bilanz stehen, die es anscheinend gar nicht gibt und womöglich nie gegeben hat. Und keiner hatte es bemerkt, obwohl sich seit Jahren hartnäckig Gerüchte rankten …
Cum-Ex und Wirecard – gemeinsam ist beiden Skandalen das erkennbar zögerliche Handeln höchster deutscher staatlicher Stellen! Nur ja niemandem wehtun in der Wirtschaft, Vertrauen, Compliance bis zur Selbstverleugnung, nur ja keine staatlichen Eingriffe! Vor dem Hintergrund einer solchen Haltung fehlt es dem Staat natürlich auch an Truppen und Durchgriffsmöglichkeiten. – Wir wissen ein Lied davon zu singen!

Damit hätte der vermeintliche Betrug einzig von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft („EY“) entdeckt werden können, ja müssen. Sollte man meinen. Manchen erinnert der Wirecard-Skandal ja an den Enron-Skandal des Jahres 2001 um gigantische Bilanzfälschungen in den USA. Gemeinsam ist beiden zumindest Arthur Andersen! Die amerikanische Muttergesellschaft hat den damaligen Skandal als einer der seinerzeit „Big Five“ nicht überlebt! Die deutschen Töchter haben sich in der Folge unter das Dach von Ernst& Young („EY“) begeben! Die Älteren erinnern sich: Es war die Arthur Andersen Management Beratung, die – was damals modern war – in der bayerischen Steuerverwaltung eine sogenannte Organisationsuntersuchung durchgeführt hat. Das Ergebnis im Februar 1998 waren Plattitüden und die Empfehlung, fünf Prozent des Personals abzubauen. Darunter leiden wir heute noch! Denn als wir wieder einstellen durften, stand der demografische Wandel vor der Tür …