Der Mensch gestaltet den Prozess!

Seite 3 April 2019

Was war das für ein Gewerkschaftstag! Ich danke allen, die zum Gelingen dieser beiden Tage beigetragen haben, sei es bei der Vorbereitung oder in Augsburg vor Ort. Besonders erwähnen will ich hier das Team der Geschäftsstelle, das sich weit mehr engagiert hat, als es ein Arbeitgeber je von seinen Mitarbeitern verlangen könnte. Ich danke dem Augsburger Chor, der den 600 Besuchern der öffentlichen Veranstaltung mit seinem Gesang viel Freude bereitet hat. Danken will ich an dieser Stelle aber auch den Delegierten und damit unseren Mitstreitern in den Ortsverbänden. Sie sind tagein, tagaus Gesicht und Stimme der bfg vor Ort und kümmern sich um die Anliegen der Mitglieder. Mir ist es deshalb ein besonderes Anliegen ihnen wenigstens alle 5 Jahre mit einem schönen Gewerkschaftsabend Danke zu sagen für ihre ehrenamtliche und völlig unentgeltliche Arbeit!

Zum Motto unseres Gewerkschaftstages hat unser Finanzminister das klare Bekenntnis abgegeben, dass der Mensch auch in Zeiten der digitalen Arbeitswelt den Prozess bestimmen können muss. Die IT soll ihn sinnvoll unterstützen und entlasten, so der Minister. Auch CSU-Fraktionsvorsitzender Thomas Kreuzer bekannte sich sehr deutlich dazu, dass auch bei digitalen Prozessen der Mensch im Mittelpunkt stehen müsse.
Ich denke, diese klaren Positionierungen sollten unseren Verwaltungen Anlass sein kritisch zu hinterfragen, wo wir heute stehen und in wieweit sich die derzeitigen Entwicklungen mit diesen Forderungen in Einklang bringen lassen. Ich jedenfalls höre etwa aus den Finanzämtern auch aktuell wieder von völlig unsinnigen Prüfvorgaben, während es andererseits für manchen zum Heulen ist, was unter dem Radar des Risikomanagements hindurch passt. Inwieweit also sind wir hier und andernorts nicht schon in einer Situation, die es erfordert, die digitalen Möglichkeiten deutlicher der Souveränität der Sachbearbeiter zu unterstellen?
Zwei Fragen stellen sich mir mit fortschreitender Digitalisierung unserer Arbeitsprozesse. Zum einen die, was der Computer oder nennen wir es die sogenannte künstliche Intelligenz wirklich leisten kann bzw. in absehbarer Zeit in der Lage sein wird zu leisten. Zum anderen die, welche Folgen es hat, wenn die „Maschine“ dem Menschen zunehmend Teilbereiche von Arbeitsprozessen bzw. Teile des Ganzen abnimmt.
Am Wochenende nach unserem Gewerkschaftstag hat die Süddeutsche Zeitung ihr „Buch Zwei“ den beiden Abstürzen einer Boeing 737 Max gewidmet. Die Absturzursache wird dabei ja allgemein in einem Computerprogramm vermutet. Das Besondere ist, dass Boeing, wie die SZ schreibt, dabei seiner eigenen Philosophie untreu geworden sei, wonach nämlich „die Cockpit-Besatzung immer Herr an Bord sein soll.“ Denn jetzt bemerke der Pilot nicht mehr, „dass sie [d.h. die Software] eingreift, er weiß noch nicht einmal, dass sie ins Bordsystem einprogrammiert ist.“ Die SZ schreibt weiter, wie „das Fliegen auch deshalb anspruchsvoller geworden“ sei, „weil Computer immer mehr Pilotenaufgaben übernehmen. … Die Automatisierung führt dazu, dass sie [die Piloten] viel von ihrem Handwerk verlernen, weil der Computer es für sie erledigt. Wenn einmal etwas nicht funktioniert, fehlen ihnen Übung, Ruhe, Durchblick.“
Ist das nicht auch bei uns eine große Gefahr? Wo der Gesamtzusammenhang abhandenkommt, da geht logisches Verständnis verloren, aber auch Empathie für die eigentlich erforderliche Interaktion mit anderen.
Während Flugzeugsoftware allerdings im Wesentlichen mit dem Wetter zu kämpfen hat, dem das Flugzeug egal ist, haben wir ein aktives und sehr kreatives Gegenüber! Gleich, ob beim RMS im Finanzamt oder IT-gestützten Prüfsystemen: die „Gegenseite“ stellt sich aktiv darauf ein und entwickelt Gegenstrategien! Das beginnt bei der Auswertung und Analyse unserer Steuerbescheide und der zugrunde liegenden Aufgriffe und Nichtaufgriffe und setzt sich fort bei einer kreativen Gestaltung der Buchführung – gleich, ob gerade noch im Rahmen des Legalen oder nicht mehr. Und selbst Ungenauigkeiten und Fehler können einer Prüfsoftware sehr schnell ihre Grenzen aufzeigen. Keine noch so intelligente Software wird so je in der Lage sein, aus den verschiedensten Ecken einer Buchführung zusammenzudenken, was nur zusammenzubringen ist, wenn man das Verständnis für Zusammenhänge hat und das „kreative“ Vorstellungsvermögen eines Prüfers, visuelle Eindrücke von einem Unternehmen, Erkenntnisse aus Gesprächen, Besonderheiten aus Verträgen und viele Mosaiksteinchen mehr verknüpfen kann.
Nur, wenn man sich dies eingesteht, wird man die digitalen Möglichkeiten zum Vorteil von Mensch und Ergebnis nutzen können!